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Weißstorch aus Gerhardshofen angeschossen
Von Edmund Lenz
In Gerhardshofen wurde einige Jahre die Bruttradition durch einen kräftigen männlichen Weißstorch aufrechterhalten. Seiner Gestalt, seinem selbstsicheren und beherrschenden Auftreten und der sehr forschen Horstverteidigung verdankte dieser Storch seinen Namen "der Bulle". In den Jahren seiner "Herrschaft" erlernten jährlich 3-5 Jungstörche über dem Gerhardshofener Pfarrhaus die hohe Kunst des Fliegens und segelten nach bestandenem Flugschein regelmäßig im Spätsommer nach Süden. Im Jahre 1989 kam der Bulle auf eine bis heute ungeklärte mysteriöse Weise ums Leben. Mit dem Ableben des Bullen erlosch auch die Weißstorchtradition in Gerhardshofen für einige Jahre.
Bei einem Bestand von weniger als 70 Brutpaaren in ganz Bayern und einer mittleren Ausflugquote von ca. 1,8 Jungstörchen pro Horst (bayerisches Mittel) ist die Reaktivierung einer erloschenen Bruttradition aufgrund der geringen Individuenzahl sehr problematisch und kann Jahre, ja sogar Jahrzehnte dauern.
Dank der aktiven Horstbetreuung an Ebrach, Aisch und Regnitz hat sich dieser Großraum zum Gebiet mit der größten Weißstorchdichte in ganz Bayern entwickelt. Jährlich fliegen hier ca. 3 bis 5 Jungstörche pro Horst aus. Ein Glück, daß Gerhardshofen an der Aisch liegt. Die-sem Glück ist es vermutlich auch zu verdanken, daß sich 1992 ein neues Brutpaar auf dem Gerhardshofener Horst eingefunden hatte und hier wieder seine Jungen aufzog.
Auch in der Brutsaison 1998 schlüpften 4 Jungstörche im Gerhardshofener Horst. Die Versor-gung der Brut durch die beiden Altstörche verlief reibungslos und ohne Probleme bis zum Nachmittag des 10.6.1998, an dem der männliche Brutstorch mit im Flug nach unten hängendem rechten Bein beim Horstanflug von der Horstbetreuerin Maria Kreß gesehen wurde. Frau Kreß beobachtet und betreut die Gerhardshofener Störche nahezu seit 40 Jahren. Sie wußte, daß das nichts Gutes für den Brutstorch und die Brut bedeutet, denn normalerweise fliegen unsere Störche mit nach hinten ausgestreckten Beinen. Da Frau Kreß sehr um die Brut besorgt war, informierte sie ihre, in Storchenproblemen vertrauten, Ansprechpartner unmittelbar, um mit ihnen die weitere Vorgehensweise abzusprechen. Noch am gleichen Tag erfolgte eine intensive Beobachtung des Problemstorches und des Brutverhaltens am Gerhardshofener Storchenhorst. Leider mußten wir feststellen, daß der männliche Brutstorch das rechte Bein nicht mehr belasten konnte und die vier Zehen dieses Beines zusammengelegt nach hinten zeigten. Die Entlastung des einige Zentimeter oberhalb des rechten Fersengelenk verletzten Beines beim "Gehen" erfolgte durch ausgleichende Flügelschläge und ausschließliche Belastung des unverletzten linken Beines. Dieses Verhalten zeigen Störche erfahrungsgemäß nur mit Bruchverletzungen oder mit Luxationen. Der Storch als Schreitvogel erwischt seine Beute nur mit fixem Laufen. Mit dieser Verletzung war das Tier jedoch nicht mehr in der Lage weder Futter für sich selber noch für seine Brut zu erbeuten und somit ein sicherer Kandidat für den Hungertod. Eine lebensbedrohliche Situation für die hungrigen Jungstörche, die in der Aufzuchtphase pro Jungstorch und Tag bis zu 500 g Futter benötigen.
Der weibliche Brutstorch wäre mit der alleinigen Versorgung der Brut überfordert. Das Gebot der Stunde war nun schnellstmöglich eine Beifütterung zum Erhalt der Brut anzulegen und anschließend den verletzten Storch einzufangen und tierärztlich behandeln zu lassen. Da solche Ereignisse leider häufiger vorkommen, können wir diesbezüglich auf unsere Erfahrungen und die uns bekannten Futterquellen zurückgreifen und in kurzer Zeit eine Beifütterung einrichten. Voraussetzung für diese Hilfemaßnahmen ist jedoch, daß die Helfer die erforderliche Zeit (2-3 Tage Urlaub und bis zum Ausfliegen der Jungstörche täglich ca. 3 Stunden für Futterbeschaffung, -aufbereitung und -ausbringung) aufbringen kön-nen. Oft entstehen hier berufliche oder geschäftliche Nachteile. Terminarbeiten können z. B. nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden oder es stehen den Helfern keine freien Urlaubstage zur Verfügung usw. Des weiteren kann die Beschaffung von artgerechter Nahrung in ausreichender Menge zu bestimmten Jahreszeiten zum Problem werden. Glücklicherweise gibt es auch unter den Teichbesitzern und Fischhandlungen noch Storchenfreunde, die uns schnell und kostenlos Futterfische zur Verfügung stellen, so daß wir schon am nächsten Tag (11.06.1998) eine Fütterung im Sichtbereich des Horstes anlegen konnten. Würde diese nicht innerhalb kurzer Zeit angenommen, müßte zur Erhaltung der Brut eine Beifütterung der Jungstörche im Horst erfolgen. Je nach Alter der jungen Störche bedeutet das meist den sehr aufwendigen, täglich ein- bis zweimaligen Einsatz einer Feuerwehrdrehleiter, mit deren Hilfe das Futter in den Horst gebracht werden kann. Zum Glück wurde die Fütterung sofort vom weiblichen Brutstorch angenommen, die Versorgung der 4 Jungstörche somit gesichert und eines von zwei Problemen gelöst. Ohne eine solche Zufütterung muß mit Verlusten bis hin zum Totalverlust bei den Jungstörchen gerechnet werden.
In Bayern brüten zur Zeit weniger als 70 Brutpaare. Da es mit unseren Storchenbeständen somit nicht gerade üppig bestellt ist, und um auch die Bruttradition, die von einem oder beiden Altstörchen aufrechterhalten wird, in Gerhardshofen nicht abreißen zu lassen, wurde in Absprache mit der Bezirksregierung auch der Fang des verletzten Tieres und dessen Behandlung im Tiergarten Nürnberg beschlossen.
Erfahrungsgemäß ist der Fang eines verletzten Altstorches mit einem größeren Zeitaufwand verbunden. Der verletzte noch flugfähige Storch wird sehr vorsichtig und entwickelt bei Nachstellungen sogar ein ausgeprägtes Mißtrauen. Zudem kann er sich mit einem blitzschnellen Senkrechtstart sofort in Sicherheit bringen und sich so dem Zugriff entziehen. Oft bleibt nur die Möglichkeit mittels eines Narkosemittels, welches z. B. in einem Futterfisch verabreicht wird, erfolgreich zum Fang zu gelangen. Des weiteren muß sichergestellt werden, daß der Köder mit dem Narkosemittel nicht vom Brutpartner geschluckt wird und eventuell diesen, oder, durch Verfütterung an die Brut, einen Jungstorch in Narkose versetzt. Für eine erfolgreiche Narkotisierung müssen vor allen Dingen die Verhaltensgewohnheiten des verletzten Tieres wie z.B.: wo hält es sich am liebsten auf, wann fliegt es die Fütterung an, wo sind seine Ausweichstellen nach Störungen usw. bekannt sein. Nach Möglichkeit sollte der Narkoseversuch im Sinne einer erfolgreichen Behandlung so schnell wie möglich erfolgen. In der Praxis bedeutet das, daß auch das verletzte Tier die Fütterung annehmen muß, weil man ihm dort am einfachsten einen Narkoseköder unterjubeln kann. Wegen der angestrebten schnellen Wirkung des Narkosemittels, das bei wenig Mageninhalt schneller (ca. 30 Minuten) und bei vollem Magen wesentlich später (12 bis 14 Stunden) wirkt, darf sich der zu narkotisierende Storch nicht satt fressen. Er wird nach der Aufnahme des Narkosefisches sanft von der Fütterung weggedrängt. Fliegt der unverletzte Vogel vorher die Fütterung an, so muß er äußerst vorsichtig am Narkosefisch abgedrängt werden. Mit viel Geduld und starken Nerven erreichten wir dann am 17. Juni 1998 unser Ziel. Der verletzte Storch schluckt um 9:15 den Köderfisch und fällt um 9: 45 in Narkose.
Erleichtert dokumentieren wir unseren Erfolg mit einigen Diaaufnahmen und untersuchen den verletzten Storch noch an der FuttersteIle. Auf dem Bild Nr. 2 kann man unschwer den offenen Bruch des rechten Beines erkennen. Nach Rücksprache mit Michael Zimmermann kamen wir zum Schluß, daß die vermutliche Ursache des Beinbruches ein Anflug an ein Leiterseil einer Hochspannungsleitung sein müßte. Eine Stunde später gaben wir dann den Beinbruch in die Obhut des Tiergarten Nürnberg. Nachdem vom behandelnden Tierarzt Dr. Gauckler Röntgenaufnahmen von dem verletzten Großvogel erstellt wurden, habe ich dann am 22.06.1998 das Unglaubliche erfahren. In der Bruchstelle wurde 4 mm Bleischrot gefunden (siehe schwarzer Kreis in der Röntgenaufnahme).
Nach sehr sorgfältiger Rekonstruktion der Geschehnisse kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß zwischen dem 09. und 10. Juni 1998 mit einer Schrotflinte, wie sie zur Jagd benützt wird, auf den Gerhardshofener Weißstorch geschossen wurde. Die Auswahl der Schrotgröße mit Schrot Nr. 1 (4 mm), die bei der Jagd auf den Winterfuchs eingesetzt wird, und von den handelsüblichen Schrotpatronen die größte Durchschlagskraft hat, deutet daraufhin, daß es sich um kein Versehen handeln kann, und daß der Täter mit Tötungsabsicht gehandelt haben muß. Der Täter muß sich im Nahrungsgebiet der Gerhardshofener Weißstörche und mit deren Gewohnheiten gut auskennen, vermutlich hat er seinen Wohnsitz ebenfalls im Nahrungsgebiet. Der physikalische Impuls m* v des anfliegenden Bleiprojektils wird im Augenblick des Auftreffens auf den Röhrenknochen durch Strukturzerstörung vernichtet. Zerstört werden die Struktur des Röhrenknochens und durch drei Absplitterungen die Struktur des Projektils selbst. Der schwach zu erkennende Schußkanal verläuft parallel zur Bruchebene. Dies ist der klassische Fall eines „Schussbruches“. Alle anderen Interpretationsversuche sind irreal.
Nachdem sich uns der Sachverhalt sehr klar und eindeutig darstellte, informierte ich die zuständige Bezirksregierung., die lokale Presse und erstattete bei der Polizeistation in Höchstadt in dieser Sache Anzeige gegen Unbekannt. Aufgrund der veröffentlichten Zeitungsartikel wurde die Staatsanwaltschaft aktiv und beauftragte die Polizeiinspektion Neustadt/Aisch mit den Ermittlungen in dieser Angelegenheit. Der zuständige Polizeibeamte hat sich dann auch bei mir über die Ereignisse telefonisch informiert. Ich habe den Polizeibeamten gebeten sich direkt mit dem Tiergarten Tierarzt Dr. Gauckler in Verbindung zu setzen, von dem er dann auch eine schriftliche Stellungnahme zum Untersuchungsbefund erhalten hat. Leider habe ich weder von der Polizei in Neustadt noch von Dr. Gauckler ein solches Schreiben erhalten und kann hier deshalb nur aus einer Gesprächsnotiz, aus meinem Telefongespräch mit Dr. Gauckler vom 15.07.1998, zitieren. Dr. Gauckler hat keinen Schußkanal gefunden, obwohl es sich bei der Verletzung nachweislich um einen offenen Bruch gehandelt hat (siehe Bild ). Deshalb schließt er auf eine Schußverletzung, die sich das Tier auf dem Zug zugezogen hat, die nur zum Anbruch des Knochens geführt hat und dann wieder verheilt ist. Der Bruch soll nach Aussage von Dr. Gauckler durch eine Überbelastung während der Jungenaufzucht in Gerhardshofen entstanden sein. Aufgrund dieser Stellungnahme stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein.
Wir haben diese Aussage zusammen mit der Röntgenaufnahme mit mehreren Medizinern (Tier-und Humanmediziner) diskutiert und zusätzlich noch einmal die zielbalistischen Vorgänge analysiert. Die befragten Mediziner kamen zu dem eindeutigen Schluß, daß die Röntgenaufnahme einen klaren Schußbruch zeigt, d. h. es handelt sich um einen Bruch, der unmittelbar nach dem Auftreffen des Projektils erfolgt ist. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit der Ausheilung eines Bruches, wie er auf der Röntgenaufnahme zu sehen ist, bei der ständigen Belastung des verletzten Beines mit mindestens dem vollen Körpergewicht durch das Aufbaumen und durch die Verfolgung von Beutetieren äußerst gering. Ein auf dem Zug angeschossener Weißstorch mit einem angebrochenen Bein hat keine Chance seinen täglichen Futterbedarf zu decken! Er würde seinen Zug abbrechen und elend verhungern. Weiterhin hätte eine von Dr. Gauckler vermutete Überbelastung während der Jungenaufzucht in Gerhardshofen zusätzliche Verletzungsspuren hinterlassen. Dr. Gauckler hat aber nach eigener Aussage außer dem offenen Bruch keine weitere Verletzungen festgestellt. Fachleute wissen, daß zur Heilung von Knochenbrüchen die Bruchstelle und die benachbarten Gliedmaßen für mehrere Wochen ruhig gestellt werden müssen. Die erfolgreiche Verheilung von Knochenbrüchen ist deutlich auf den Röntgenaufnahmen, die während oder nach dem Heilungsprozeß erstellt werden, zu sehen. Der Tiergarten Nürnberg hat diesbezüglich sicherlich auch einschlägige Erfahrung. Leider kann ich die Aussagen von Hr. Dr. Gauckler nicht teilen und bedaure sehr, daß daraufhin das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde und der nächste Brutstorch dem Täter hilflos ausgeliefert ist
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